Mucus' Forschungsreise nach Shinji Oto

Aus Aloran Kompendium
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Mucus' Forschungsreise nach Shinji Oto



Geschichte der Shinji Oto

I Die Navus Iusoria

Wir schreiben das 698. Jahr seit der Thronbesteigung des draconis caesaris. Es ist ein wolkenloser Sommertag, als die Navus Iusoria die heimischen Ufer bei Portus Ferox verlässt. Während die besonders verstärkte Corbite, das Sprietsegel vom Wind bis zum Anschlag gespannt, unter dem Kommando des erfahrenen und furchtlosen Zenturio Nauarchus Princeps verlässt, erschillen vom Hafen her die Ehrenfanfaren zu den tapferen Soldaten, Seemännern und nicht zuletzt auch den Gelehrten, zu denen ich meine Wenigkeit zähle. Mir, das bedeutet Mamercus Porcius, angesehener Schriften- und Geschichtskundiger, physicus perito aus der Hauptstadt des theranischen Reiches, kommt die Ehre zuteil, unter dem Titel des exceptors den nicht ganz unerheblichen Anteil der Niederschrift dieser bedeutsamen Reise in das mysteriöse und gänzlich unerforschte Reich der Shinji-Oto anzufertigen. Dem Verfasser dieser Zeilen obliegt damit nicht nur die Verantwortung der minutiösen, detailgetreuen Beobachtung dieses zuletzt immer wichtiger werdenden Handelspartners des theranischen Reiches, sondern auch die Einschätzung und Einordnung aller kulturellen, religiösen und historischen Aspekte dieses südlichsten aller Ishturivölker, das noch vor kurzer Zeit von weniger kritischen Kollegen fälschlicherweise als unselbstständiger Seitenstamm der Al'Dhagar kategorisiert wurde.

Bei näherer Betrachtung wird jedoch auch dem unselbstständigsten Forscher schnell transparent, von welch komplexer und quasi unerforschter Natur die Shinji-Oto bisher sind. Die ersten Kontakte in den Provinzen an der Südküste Alorans liegen noch keine zwanzig Jahre zurück. Während man sich anfangs Berichten zufolge noch mit Händen und Füßen verständigte und mittelfristig auf die im Vergleich zur theranischen Hochsprache im Handel notgedrungen zum etwas primitiven Wortlaut der Al'Dhagar auswich, ist über die Entdeckung einer neuen, grammatikalisch und extrem kontextbezogenen, ritualgeschwängerten neuen Sprache das Augenmerk auf die Existenz des Volkes der neun Häuser, wie sie sich selbst nennen gefallen. Den Worten des Zenturios nach war es über den Befehl des Senats der ausdrückliche Wunsch des Drachen selbst, diesen neuen - oder besser formuliert bisher untentdeckten Subkontinent zu erforschen und auf Möglichkeiten, jedoch auch mögliche Gefahren hin zu überprüfen.

Neben den militarius und den nauticus, welche den Großteil der Besatzung ausmachen, unterstehen dem beneficarius corbitae desweiteren neben meiner Person noch der coquus navis samt Gehilfen, der Schiffsarzt, der Tabulae (Kartograph) sowie Assalam ben Iban ben Choran vom Volke der Al'Dhagar, der mir bei den Übersetzungen behilflich sein wird. Einst selbst ishturischer Händler, hat Assalam in seinem verdienten Alter die Arbeit in die Hände seiner ältesten Söhne gegeben und nutzt seine Sprachkenntnisse, um dem Theranischen Reiche zu Diensten sein zu können. Der Verfasser dieses Dokumentes ist überzeugt von der monetaren Vergeltung dieses Dienstes durch den Senat. Trotzdem bin ich froh, mich nicht gänzlich auf mein vorwiegend schriftlich erlerntes Inventar der ishturischen Sprachen verlassen zu müssen. Auf die erwartet komplexe Kommunikation wird zu einem späteren, passenden Zeitpunkt von mir eingegangen werden.

Die Fahrt der Navus Iusoria wird entlang der Südküste Alorans beginnen. Nachdem wir das Kernreich verlassen haben, wird sich das Schiff samt seiner Begleitflotte entlang der südlichen Provinzen bis zur ishturischen Exklave Radagahasgam bewegen. Assam ben Iban ben Choran hat dort einen Handel mit seinen Landsmännern vereinbart. Das gegenwärtig unter Deck gelagerte Marmor wird dort entladen; im Gegenzug werden alle Schiffe für die lange Fahrt in die südlichen Meere überholt. Die See soll dort zunehmend rauer und unerbittlicher werden. Die theranische Ingenieurskunst erklärt ohne Frage die uneingeschränkte Dominanz der heimischen See; jedoch erfordert diese vielleicht längste jemals unternommene Reise einer theranischen Delegation das Durchqueren von Witterungen und Untiefen, die im theranischen Imperium bisher schlicht unbekannt sind. Daher ist diese Hilfe der Al'dhagar absolut notwendig für den Erfolg der Reise. Assalam informierte mich, dass diese Abweichung von der theoretischen direkten Route einen Umweg von wenigstens einer Woche bedeutete, von den Umbauzeiten ganz abgesehen, letztlich sei diese aber die einzig bekannte erfolgsversprechende, liege das Inselreich der Shinji Oto doch in drei Himmelsrichtungen abgeschottet von dem höchsten Gebirgszug der bekannten Welt am südlichen Ende alles Lebens. Nur eine Reise nah an der Westküste des Südkontinents, zunächst entlang der zerklüfteten und wilden Inseln der Al'Dhagar, später vorbei am Dschungelreich der geheimnisvollen Bhuma führe uns ans Ziel. Warum diese längere Route die einzig sichere sein soll, erschließt sich mir jedoch auch nach längerem Gespräch nicht. Wieder einmal bestätigt sich hier die abergläubische, von fast vergessenen Legenden geprägte Natur seines Volkes.

Wie ich es schon von früheren Reisen kenne, tue ich mich nicht sonderlich schwer mit der Veränderung äußerer Bedingungen. Mag mein Körper auch auf den ersten Blick anfällig wirken, leide ich bei näherer Betrachtung letztenendes überall an den selben Symptomen körperlicher Unzulänglichkeit. Doch während andere außerhalb ihrer Komfortzone sichtbar nachlassen, stelle ich bei mir schlicht keine weitere Verschlechterung fest; wenn überhaupt, tutbekommt das Seeklima meinen Atemwegen besser. Mehr noch, solange ich dann und wann ein schattiges, windgeschütztes Plätzchen für meine Studien und Aufzeichnungen finde, können weder Hitze noch Dürre mich wirklich erschüttern. Ich muss jedoch anmerken, dass die Schiffsreise selbst bei akuter Bewegung mein Wohlbefinden deutlich einschränkt. Insofern sind die beinahe täglichen ausschweifigen Bemerkungen des Ishtur über ein ein Wetterphänomen des Südmeers, dass er Monsun nennt, sollten sie sich als wahr erweisen, kein Grund zur überschwänglichen Freude meinerseits. Er scheint sich der Sache jedoch sicher zu sein, wies er doch den Zenturio bereits darauf hin, das zu den Umbauten in Radagahasgam auch zusätzliche Abflusslöcher entlang der gesamten Reling gehörten, damit bei schwerem Regen das Wasser noch schnell genug von Deck fließen könne.

Nach einigen Tagen Fahrt zeigt sich an Deck das - wie ich im Folgenden ausführen werde - erwartete Bild. Die Besatzung befolgt die Befehle ihres Kommandanten mit bewundernswerter Disziplin und aufopferndem Fleiß. Einer der Männer, der an den Segeln arbeitete, riss sich beide Hände auf, als er ein losgerissenes Tau mit bloßer Körperkraft zu halten versuchte. Er ließ erst von der Arbeit ab und suchte den Schiffsarzt auf, als sein Befehlshaber ihn dazu aufforderte. Während ich also auf das blutgetränkte Seil schaute, bestätigte sich meine Vermutung: Die Besatzung besteht überwiegend aus Soldaten, wahrscheinlich Liktoren aus dem Bereich des Senats oder gar des Kaisers selbst. Angesichtsdessen machen die meisten ihre Sache als Seemann verhältnismäßig gut, sicherlich hatten sie ein behelfsmäßige Ausbildung durchlaufen. Bei manchen erweckte es geradezu den Eindruck als wüssten sie, was sie da tun. Einen zur See fahrenden Ishtur würde man damit nicht für die Dauer eines Gesprächs überzeugen können. Aber wie es der Senat in all seiner Umsicht und ökonömischen Effizienz nicht anders hätte einrichten können, ist dies nun offensichtlich nicht wie versprochen eine reine Forschugnsreise aus kultureller Neugier. Mir bleibt nun wenig übrig als zu hoffen, dass diese Maßnahme aus reiner Vorsicht getroffen wurde. Ich würde doch gerne in einem Stück von dieser Reise zurückkehren. Wenn nun also die Shinji Oto die Soldatennatur unserer Besatzung erkennen und die Diplomatie dadurch unwiderruflich geschädigt werden sollte, kann ich mich wohl nur damit trösten, die beste Leibwache außerhalb des Kaiserpalastes um mich zu haben. Das heißt, wenn wir nicht vorher aus schierer Inkompetenz mit Mann und Maus versinken... Offen formuliert, ich könnte es nicht verwinden, wenn ich auf diese oder jene Weise scheitern sollte und anstatt meines tadellosen Reiseberichts ein "Kollege" an meiner Statt nachgesandt werden müsste. Welch unwissenschaftlichen Schindluder müsste man wohl befürchten!

Und noch ein Punkt zur bereits erwähnten Diplomatie: Assalam hat sich bereit erklärt, mir an Sprachkenntnissen über die Zunge der Shinji Oto weiterzugeben, was er selbst im Kontakt mit ihnen erlernt hat. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, hat sein Volk immerhin einige Jahrzehnte Vorsprung im Kontakt mit ihnen. Wie die Sprache der Al'Dhagar ist auch die der Shinji Oto äußerst akzentuiert in ihrer Aussprache und verlangt eine nuancierte Interpretation von an- und abschwellenden Lauten. Übertrieben formuliert, scherzte er, vermag das inkorrekte Anheben am Ende einer Grußformel einer Kriegserklärung gleichkommen. Ich hoffe sehr, dass dies eine theoretische Anekdote bleibt und mein Name diesbezüglich ausnahmsweise den Geschichtsbüchern fern bleibt.

Der zuvor erwähnte Schiffsarzt ist eigentlich alles andere als ein Mediziner. Siccum Crepitae ist ein Magus von erheblichem Ruf auch über die Kreise seiner Profession hinaus. Wäre er nicht so ein Eigenbrötler, könnte ich sicherlich die hier an Bord ansonsten so schmerzlich vermisste intellektuelle Interaktion mit einem Gelehrten und Meister seines Fachs tätigen. So bleibt mir immerhin das Selbstgespräch. Den Magus vordergründig als Schiffsarzt mitzuführen, deutet für mich vor allem auf ein sehr gesundes Ego des Zenturios hin. Denn sollten die Shinji Oto selbst über magische Gelehrte verfügen, sehe ich auch diese Tarnung nicht lange standhalten. Aber mich als Zivilisten nur wegen meiner Geistesschärfe und Erfahrung mit fremden Kulturen in die strategische Planung der Reise einzubeziehen, kommt natürlich nicht in Frage.

Die Kultur der Al'Dhagar stellt, wie schon an anderer Stelle präzise von mir selbst dargestellt, einen erfrischenden Kontrast zur theranischen Etikette von Disziplin und Formvollendung dar. Während die körperliche Haltung, der feste, wache Blick und die stete Bereithaltung des theranischen Soldaten das Bild des asketischen Idealmenschen vermitteln (das freilich nicht immer der nachdienstlichen Realität entspricht), ist das Bild des fettwanstigen, überreich geschmückten und arbeitsfaulen Al'Dhagar ein Klischee, zu dessen Abbau sie sich keine augenscheinliche Mühe geben. Und doch, während man sich schwertut, sie bei der Arbeit zu erwischen, scheinen wie magisch über Nacht all ihre Versprechen in Erfüllung zu gehen. Schon nach drei Tagen ist das halbe Dutzend theranischer Schiffe generalüberholt, der Marmor restlos aus dem Bug geborgen und weiter auf die langen, flachen Boote der Al'Dhagar verfrachtet worden. Als ich mich bei "unserem" Ishtur erkundigen will, wie das alles möglich sei, beugt er sich zu mir und flüstert: "Wenn es der Wille der Dschinne ist, ist alles möglich." Erst als er laut schallend loslacht, erkenne ich, wie ich erneut seinem gewöhnungsbedürftigen Humor zum Opfer gefallen bin. Wie so oft bleibt er eine eindeutige Antwort schuldig.

Nun liegt sie also vor uns, die eigentliche, große Reise. Fort von Aloran, der Heimat unserer Götter, dem Reich des Drachen. Mir ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken; und doch: Zum Wohle der allerheiligsten Wissenschaft will ich dieses Wagnis eingehen. Ein großer Mann muss sich der größeren Sache unterordnen können. Eine größere Sache als diese sah ich nie.

Möge Phia mir gnädig sein.

II Audienz auf hoher See, Empfang durch das Flaggschiff der sānhéhuì

Lange Wochen des zermürbenden Wartens und der beschwerlichen Reise lagen nun hinter uns. Nach allen Berechnungen konnte das Ziel unserer Reise, der südliche Subkontinent Shinji-Oto, nicht mehr all zu fern liegen. Wie oft ich mir diesen bedeutsamen Tag bereits in all seiner Pracht vorgestellt hatte! In all den fiebernden Stunden unter Deck erlebte ich das schicksalhafte Aufeinandertreffen sicher ein Dutzend Mal und mehr. Die gigantische Flotte stieg direkt aus der Morgensonne, ihre hellen Segel vom gleißenden Schein umringt ritt sie über die schwarzen Wellen majestätisch auf uns zu. Stets stand ich an der Seite des Zenturios um sie zu erwarten und ihre Delegation angemessen zu empfangen. In einer Mischung aus Stolz und Ehrfurcht vor der historischen Bedeutsamkeit stand ich da und schwieg. Doch immer wenn das Beiboot gerade herabgelassen werden sollte, verschwammen die Bilder; vermischten sich mit der hin- und herschwankenden Decke meiner Kajüte und der salzige Geruch der erwachenden See wich dem berdrückenden Gestank von Schweiß und Erbrochenem. Jedes Mal bevor ich den so herbeigesehnten Moment festhalten konnte, war er mir entfleucht. Zumindest bis mich die sanfte und doch klammernde Umarmung des nächsten Fiebertraums wieder im Griff hatte und das Erlebnis von vorne anfing. Eine weitere Variante einer Variante, stets vor mir tänzelnd, nie ganz zur Ruhe kommend, fliehend, damit ich sie verfolgte, statt meine Kräfte zu sparen und die Krankheit abzuschütteln.

Doch nun war es soweit. Nach langem Kampf meinerseits und des stets über mich wachenden Assalam hatte sich schließlich und endlich vor einigen Tagen das Fieber meinem Willen ergeben und war verschwunden. Mit noch etwas steifen, schwächelnden Gliedern durfte ich jeden Tag ein wenig länger an Deck verbringen. Die meisten Männer an Bord waren den immer gleichen erfolglosen Blick in Richtung unseres Ziels satt, aber ich brauchte die Hoffnung, die darin verborgen lag. Auch tat die frische Seeluft meinen angegriffenen Lungen gut, hatte die Krankheit doch meinen Verstand verlassen, war doch etwas Hartnäckiges und Widerspenstiges in mir zurückgeblieben. Mein Kopf schmerzte ohne Unterlass und aus meiner Nase lief ohne Unterlass ein fester, übelriechender Schleim, wenn ich nicht regelmäßig abhustete. Diese detailgenaue Beschreibung ist unerfreulich, aber ebenso unerlässlich, ist dieses Leiden doch eindeutig auf das vom Monsun verursachte Fieber zurückzuführen.

So waren nun eben diese Folgen meines Siechtums dafür verantwortlich, dass ich um ein Haar den großen Moment verpasst hätte. Statt der herbeigeträumten Morgendämmerung befanden wir uns in einer wolkenverhangenen, fast flachen und grauen See, bei der nur schwer eine bestimmte Tageszeit abschätzbar war. Keine funkelnde Sonne lag vor uns, stattdessen fiel ein steter Nieselregen, der auf hoher See (die Steilküste am Backbord-Horizont hatte ich ewig nicht erspäht) noch trostloser wirkt als zuhause und der ferne Geräusche mühelos verschluckt. Und so war es wenig verwunderlich, dass nicht etwa ein Ausschau haltender Seemann, sondern der Magus irgendwann an meiner Seite stand und raunte: "Da kommen sie."

Nicht etwa eine Flotte hatten sie geschickt, einzig drei nahezu baugleiche, gigantische Dreimaster segelten da in gespenstischer Ruhe auf uns zu. Es war ziemlich deutlich, dass diese Schiffe nicht gebaut worden waren, um ihren Feinden zu entkommen. Diese waren schwimmende Festungen. Sicherlich, kein Leviathane, aber dennoch beeindruckende Konstruktionen. Erstaunlich war auch das Fehlen jeglicher Ruder, was auf den Verzicht von Sklaven unter Deck hinwies. Daher stellte ich die Schlussfolgerung, dass diese Schiffe sich ähnlich unserer Luftschiffe elementarer Essenzen bedienten um von der Stelle zu kommen. Viel später sollte unser Magus diesen verständlichen Irrtum meinerseits aufklären: Die Sānhéhuì beschäftigen an Bord dieser Schiffe die begabtesten Elementaristen des gesamten Subkontinents. Jeweils einer von ihnen 'beschwor', so sein Wortlaut, die Wellen, im Prinzip das gesamte das jeweilige Schiff umgebende Wasser, damit es seine Richtung fand. Das klang für mich zwar unvorstellbar, würde aber immerhin die seltsam geformten, wenig praktikablen Segel erklären, machte diese Magie sie doch zu reiner Tradition und Zierde anstatt zu notwendigem Navigationswerkzeug.

Assalam erläuterte mir darüberhinaus, dass diese Handelsschiffe die Flaggschiffe der Oberhäupter der Sānhéhuì waren; Shuinsen genannt. Übersetzt hieß das in etwa Rotsiegel-Schiffe. Das Rotsiegel sei eine Art festgeschriebener Handelslizenz, die nur von den obersten Anführern der Sānhéhuì vergeben werden konnte. Diese erlaubten unter anderem den Handel mit fremden Völkern und versprachen Schutz vor Piraten. Auf die Praktiken und Regeln der Triaden gehe ich im entsprechenden Kapitel des Hauses Formosa näher ein.

Nach Schätzungen des Zenturios besträgt die Besatzungsstärke dieser Flaggschiffe jeweils etwa 150 bis 200 Mann samt einem unbekannten Anteil an Soldaten. Der Magus blieb in seiner Aussage über die magiebegabten Besatzungsmitglieder äußerst vage, bezeugte aber, niemals mehr als exakt einen Elementaristen gespürt zu haben.

Die schiere Größe der Shuinsen täuschte über die Distanz hinweg, welche die Beiboote von einer Partei zur anderen zu überwinden hatten. Nach einer gefühlten Ewigkeit und mithilfe vorgesandter Schriftbotschaften, die von den Seemännern beider Völker hin- und herwechselten, waren die Bedingungen des ersten Gespräches ausgemacht: Ich informierte den Zenturio, dass wir in Begleitung von Assalam und zweier Leibwachen an Bord des Flaggschiffs erwartet wurden. Der erfahrene Soldat sparte sich jede gespielte Bestürzung, die von den weit entfernten Decks der anderen Schiffe ohnehin nicht wahrgenommen werden würde und kommentierte stattdessen trocken: Na hoffen wir, dass Eure ganzen Studien nicht umsonst waren, sciolo. Assalam, der wie immer die theranische Rangordnung nicht völlig vereinnahmt hatte, lachte herzlich. "Keine Sorge, unser Mucus ist kein zhǐlǎohǔ. Seine Worte haben Bestand." Sein Blick verdüsterte sich etwas, als er zu den Rotsiegel-Schiffen herüberblickte. Als er schon die Strickleiter zum Beiboot herunterkletterte, hörte ich ihn hinzufügen: "Ebenso wie bei den Herren da drüben. Besser wir benehmen uns."

Takano Isoroku

An Deck des Shuinsen standen die fremden Ishtursoldaten wie erwartet Spalier. Ihre körperliche Verfassung war außerordentlich, die Haltung subterranisch, aber nicht undiszipliniert. Ihr Rüstungen und Waffen ließen sich am ehesten als exotisch bezeichnen. Keiner von ihren war behelmt, ihre Haare fielen lang und glatt über den Rücken, als seien sie Frauen und keine Kämpfer. Ihre Panzer waren enganliegend und aus einem lederartigen Material gefertigt, dass in Form und Farbe verschiedenen Fischschuppen ähnelte. Die meisten von ihnen trugen speerartige Waffen aus natürlichen, ungeschmiedeten Materialien, einige lehnten sich auf gigantische Muscheln, die sie entweder symbolisch oder allen Ernstes als Schilde benutzten. Wenn das ihre Vorzeigesoldaten waren, würde sich der Zenturio sicher schwer tun, den angebrachten Respekt aufrechtzuerhalten. Doch zumindest äußerlich ließ unser pflichtbewusster Anführer sich nichts anmerken. Am Ende des Spaliers weitete sich das Bild, in der Mitte des Hauptdecks erwarteten uns zwei hochgewachsene Menschen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Der eine war eindeutig ein Anführertyp, womöglich der Kapitän dieses Schiffs oder der Flottenführer. Er trug zusätzlich zu der aufgeführten Ausrüstung seiner Männer einen schwarzglänzenden Panzer aus Schuppen, jede so groß wie die Hand eines Bären. Er trug eine ebenfalls nachtschwarze Zischägge mit weißen Flügeln eines unbekannten Vogels und blickte uns mit stolzen, eisblauen Augen an. Der Speer auf seinem Rücken glitzerte im Licht der Morgensonne. Im ersten Moment täuschte der unerwartete Anblick meine Augen; doch schnell korrigierte ich meinen offensichtlichen Irrtum: Die mit über zwei Schritt den Krieger selbst noch überragende Waffe war nicht etwa aus weißblauem Eis geformt und schmolz dahin, sondern aus irgendeinem mir unbekannten Kristall gefertigt oder in diese Form gewachsen.

Meiji

Die zweite Gestalt war körperlich weniger imposant, aber nicht minder verstörend: Eine hochgewachsene, spindeldürre Frau unschätzbaren Alters mit weißen Haaren und fahler Haut. Über ihrer ausgestreckten, linken Handfläche schwebte ein sich langsam drehender Bergkristall, von dem aus ein schwaches, bläuliches Licht pulsierte. Sie stand seitlich versetzt hinter dem Anführer, beachtete uns nicht weiter. Ich bereute sofort, nicht auf der Begleitung unsereres Magus bestanden zu haben.

Zwei der Soldaten schritten lautlos zu dem Anführer und nahmen ihm Helm und Panzer ab. Die Präzision ihrer Bewegungen und die Bedächtigkeit ihrer Aktion offenbarte, dass dies Teil des Begrüßungsrituals sein sollte. Auf der ledernen Brust der unteren Panzerung des Anführers offenbarte sich ein Symbol, dass mir Assalam bereits beschrieben hatte: zwei sich kreuzende Doppellinien, die sich nach außen Bogen. Das Symbol der Shinji-Oto. Die Bedeutung dieses Zeichens zu erklären würde ein Jahr und einen Tag dauern - wieder eine dieser blumigen Umschreibungen des Al'Dhagar, von dem man nie wusste, wie genau er es gemeint hatte - es sei einfacher, das Land zu bereisen und es auf diese Weie zu begreifen, hatte er behauptet. Ich würde herausfinden, ob das stimmte.

Fehlerfrei, aber mit der Zunge einer sehr fremden Sprache, die die unsere nicht zu sprechen gewohnt war, eröffnete der Mann auf uns zugehend die Konversation. "Die sānhéhuì sind hoch erfreut, Euch im Reich der himmlischen Geschwister willkommen zu heißen." Der Zenturio wirkte wenig erfreut. Zum Einen war die Stimme des Fremden durchaus freundlich, widersprach jedoch seinem Gesichtsausdruck, der allerhöchstens ein minimales Verziehen der Lippen verzeichnen konnte. Zum Anderen hatte er sich unglücklicherweise eindeutig nicht an den Zenturio, sondern an mich gewandt. Ich versuchte, die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Ich räusperte mich und versuchte so klar und deutlich wie möglich zu antworten. "Auch die theranische Delegation ist hocherfreut und... sehr geehrt ob diesen besonderen Tages und Eurer Gastfreundschaft. Wenn Ihr die Frage erlaubt, unser Kapitän und Anführer, der ehrenwerte Zenturio Naucarchus Prinzeps hatte gehofft, mit den sānhéhuì persönlich sprechen zu können. Sind sie hier, äh...?" Der Hüne verstand, sein Blick wechselte noch während meiner Worte zum Zenturio; dieser war kein kleiner Mann, trotzdem blickte der Fremde auf ihn herab, als er fortfuhr. "Die drei Harmonien weilen in ihren Palästen in Formosa, der goldenen Stadt. Ihre Anwesenheit hier ist nicht von Notwendigkeit." Nun reichte es dem Zenturio. "Wir reisen im Auftrag des Kaisers des theranischen Reiches. Ich bin authorisiert, den diplomatischen Austausch und Handel zwischen unseren Reichen einzuschätzen und aufzubauen. Das kommt einem Senatsbeschluss gleich." Innerlich dankte ich den Göttern, dass er nicht die Alternativen zu diesen diplomatischen Lösungen ansprach. Zwar zweifelte ich daran, dass der Fremde wusste, was der theranische Senat bedeutete, allerdings hatte er augenscheinlich einen Seitenblick auf die Mitbringsel geworfen, die ich Assalam in die Hand gedrückt hatte. Gedankenschnell stupste ich diesen an, der daraufhin Initiative ergriff. Ein weiterer Verstoß gegen die theranische Ordnung, der aber womöglich friedenserhaltend und damit verzeihlich war. Assalam streckte die Hände aus: "Geschenke aus Thera, vom Kaiser mit freundlicher Empfehlung an die sānhéhuì." Während der Fremde noch die meisterlich geschmiedete Stahlklinge in der einen Hand musterte, schälte sich die Zauberin aus dem Hintergrund und hatte, ehe Assalam reagieren konnte, den schwarzen, faustgroßen Stein aus seiner anderen Hand genommen und ließ ihn nun in der eigenen kreisen. Er zuckte zurück, doch sie beachtete ihn nicht weiter. Sie starrte auf den schwarzen Klumpen und konzentrierte sich. Aus der Nähe sah ich, wie das Licht ihrer Augen verschwomm und durch graue Schlieren bedeckt wurde. In meinem Magen rumorte es, doch ich wagte kein Wort zu sagen. Dann, nur Momente später, klarte ihr Blick auf und sie wandte sich eindringlich an ihren hochgewachsenen Begleiter. Sie wechselten kein Wort, doch offensichtlich verstanden sie sich auch so. Während die Zauberin - nun in Besitz des Orichalcums - sich wieder hinter ihn zurückzug, wandte er sich erneut dem Zenturio zu.

"Die sānhéhuì sind hocherfreut, Euch persönliche Audienz zu gewähren, Botschafter des Kaisers, Zenturio."

Alle umstehenden Soldaten, unsere Leibwachen eingeschlossen, entspannten sich beinahe unmerklich.

III Teezeremonien

Wenn ich nach dieser kurzen Episode in ishturischer Diplomatie eine Zusammenfassung der charakterlichen Eigenschaften zu fassen gezwungen würde, legte ich wohl mein Augenmerk auf den offen vorgetragenen Stolz. Die ishturischen Völker mit ihren unterschiedlichen kulturellen und glaubensorientierten Wurzeln unterscheiden sich in dieser Hinsicht diametral von den meisten Menschen Alorans. Während in Aloran, zumal in den entfernten Provinzen nur zu häufig eine gewisse Scham, ja Unterwürfigkeit vor den unverdienten Geschenken der Götter vorherrscht, zeigen die Ishturi gerne die Früchte ihrer Arbeit, Disziplin und Abstammung. Ich kann dieser Einstellung, insofern sie verdient ist, nichts entgegensetzen. Ehrliche, harte Arbeit wie etwa langjährige, aufopfernde Forschungen meiner eigenen Person sind niemandem in die Wiege gelegt; die Götter mögen uns einen Pfad zeigen, doch beschreiten müssen wir ihn im eigenen Schweiße.

Doch die langjährige Verwechslung der Al'Dhagar mit den Shinji-Oto wird in diesen Tagen unverständlicher denn je. Während die nördlichen Ishturi mit farben- und facettenreichen Details die Wunder ihrer Bauwerke, Ahnen und Manneskraft weitschweifig und mitunter ohne jede Aufforderung anpreisen, ist der Stolz dieses südlichen Subkontinents ein stillerer, edlerer.

Nach der kühlen, ja potentiell gefährlichen Begegnung auf dem Hauptdeck mit dem Kapitän der Shuinsen, Teitoku Takano Isoroku, hat sich die Stimmung etwas entspannt. Was zunächst wie unterdrückte Agression interpretiert werden konnte, entfaltet sich als missverständliches Mienenspiel. Alle Zeichen im Gesicht Isorokus sind vorhanden, aber nur minimal wahrnehmbar. Der Zenturio hat es in einer ruhigen Minute erläutert, sein militärischer Adlerblick hat es noch vor meiner wissenschaftlichen Betrachtung entdeckt: Ein Lächeln verbirgt sich hinter einem angedeuteten Nicken, die Zustimmung oder der Ausführungsbefehl einem Untergebenen gegenüber verkümmert zu einem Senken der Augenlider.

Bei einer Teezeremonie vor der Mittagssonne führte eine alte Frau in einem blumenbestickten, engen Kleid einen merkwürdigen Tanz zu unseren Ehren auf. Sie führte führte dabei ein langes, gebogenes Schwert langsam und präzise an ihrem Körper entlang und nahm mit endloser Geduld Kampfpositionen ein, die ihrem Alter spotteten. Gleichzeitig kippte der Teitoku aus einer Kanne Tee in vier verschiedene Schalen, nur um den Ihhalt dieser dann untereinander in schwer nachvollziehbarer Reihenfolge zu füllen. Aus der sitzenden Gesellschaft ertönte ein geschlechtsloses, an- und wieder abschwellendes Summen, fast wie ein Gebet, doch ich konnte seinen Ursprung nicht orten. Fast war es, als wechsle die Stimme von Person zu Person. Beim Mahl nach der Zeremonie wagte ich nachzufragen. "Ehrenwerter Isoroku, was war das für ein beeindruckender Tanz?" Der Angesprochene schaute seitwärts zu einem seiner Untergebenen, der hastig in ihrer Sprache einige Silben von sich gab. Dann schaute er mich an und gab sich sichtlich Mühe, unseren Brauch des Lächelns nachzuahmen:

"In Eurer Sprache würde man dies wohl am ehesten als Schwerttanz bezeichnen. Es ist die höchste und reinste Kampfkunst in der Welt der Sterblichen und wurde uns in den Tagen vor der Stille von den Göttern gelehrt."

Ich beeilte mich, die Darbietung zu loben; doch der Zenturio konnte nicht darauf verzichten, sich dazu zu äußern:

"Ein schöner Tanz, Kapitän, aber warum lasst Ihr eine alte Frau tanzen und nicht euren größten Krieger? Und warum so langsam?"

Das nun erwiderte Lächeln war ein ishturisches, jedoch auch ohne lange Interpretation übersetzbar; der Ishtur zeigte seine Zähne, als er ruhig antwortete.

"Sie ist eine Schwerttänzerin des siebten Grades, außer mir hat niemand an Bord dieses Schiffes dieselbe Erfahrung. Außerhalb des Ringes sind die Bewegungen rein zeremoniell. Als Saikō ranku obliegt mir an Bord des Schiffes das Führen der Zeremonie."

Wie um dies zu unterstreichen, füllte er die Teeschale des Zenturios nach. Ich eilte mich, die Situation wieder etwas zu entspannen, daher fragte ich genauer nach.

"Die Götter selbst haben Euch die Kampfkunst gelehrt, sagt Ihr? Das ist äußerst faszinierend. Darüber gibt es sicher Schriften, Aufzeichnungen?"

Isoroku, der die Kanne noch in der Hand hielt, räusperte sich, woaufhin die Zauberin, die ebenfalls am Tisch saß, das erste Mal überhaupt das Wort ergriff. Ihre Stimme klang jünger und wärmer, als ich erwartet hatte. Ihre Aussprache war noch fremdartiger, fast wie ein Singsang.

"Alle wichtigen Schriften haben die Mediner. Wenn Ihr Bücher wollt, müsst Ihr fragen sie. Aber ob das Land der Mediner für Eure Füße frei, müsst fragen den Fürst." Ich nickte dankbar. "Und der Fürst ist in Formosa?"

Sie schüttelte fast unmerklich den Kopf. Sie schien nachzudenken.

"Fürst Tsugu-no-miya Akihito von Adoran in Feste von Adoran. Feste von Adoran am Fuße von itchi taiyo. Itchi taiyo im Kernreich von Qom."

Isoroku räusperte sich erneut, woraufhin die Zauberin sich unterbrach und zu Boden schaute. Er stellte in aller Seelenruhe die Kanne vor sich an ihren vorbestimmten Ort ab und fuhr fort, ohne mich anzusehen:

"Der Fürst der neun Häuser weilt in seinem Palast. Noch nie hat ein Fremder seine Hallen betreten, nicht seit der Urgroßvater seines Vaters den Palast aus dem Vulkangestein gehauen hat. Ihr werdet die sānhéhuì treffen. Sie befinden sich in Dol Vadit, der Goldenen. Sie antworten niemandem außer dem Fürst selbst. Genügt das dem Botschafter des Kaiser von Thera?"

Ich beeilte mich zu nicken.

Später, als ich über die Reling in eine beliebige Richtung über das Meer starrte und an die mir ferne Heimat dachte, bemerkte ich eine Person neben mir zur Ruhekommen. Ich vermutete Assalam und murmelte leise in seine Richtung:

"Aller Anfang ist schwer, nicht wahr? Aber wir werden das Schiff schon schaukeln."

Die Zauberin blickte über die Reling.

"Ich werde versuchen, das Schaukeln zu verhindern, Mucus von Thera. Ich wollte euch etwas sagen, wenn ich darf."

Ich haspelte eine Entschuldigung, doch sie wartete gar nicht auf eine Antwort.

"Takano ist euch nicht feindgesinnt." "Ihr meint feindselig gesinnt. Ist er nicht? Mein Zenturio und Euer Teitoku scheinen sich nicht sonderlich leiden zu können. Ich finde das bedauerlich, ähh.."

Die Zauberin deutete eine Verbeugung an.

"Nennt mich Meiji. Sie sind Krieger. Sie beschützen unsere Anführer, unser Volk. Sie müssen Misstrauen trinken mit der Sonne des Morgens." "Ich glaube, ich weiß, was Ihr meint, Meiji. Danke für den Hinweis." "Hinweis! Fast vergessen haben zu sagen. Mucus von Thera bitte nicht wieder sagen, Ehrenwerter Takano. Ehrenwert ist schlimme Beleidigung in Formosa für Mann mit falschem Gesicht. Wenn nicht fremd, sofort töten."

Ich wurde blass und ich bin mir sicher, Meiji die Zauberin lächelte fast so breit wie eine Zauberin in Aloran es getan hätte.

Das Haus Formosa. Unter Händlern und Seefahrern.

(Teezeremonien. Dreiharmoniengesellschaft und andere Euphemismen)

I Dol Vadit

Die Goldene. Juwel des Westens. Heimat der Kinder Susanoos. Stützpunkt der formosischen Flotte. Hauptstadt der Formoser, Sitz der sānhéhuì und Handelsmetropole. Die sonst so zurückhaltenden Shinji Oto überhäufen ihre Stadt mit schmeichelhaften Umschreibungen, und keine wird ihr wirklich gerecht. Natürlich ist es kein Zufall, dass unserer Schiffsverband unter der Führung von Teitoku Takano Isoroku die Küste in der Abendsonne anläuft - das sich sanft der Meereoberfläche entgegenneigende Licht wird von den sanften Wellen reflektiert und taucht die Stadt aus weißen Mauern und Türmen in ein güldenes Licht - doch die Präsentation verfehlt ihre Wirkung nicht; an Deck hört man durch die Reihen unserer Männer, hartgesottene und weitgereiste Männer allenthalben, Ahhs und Ohhs von allen Lippen gleiten.

Als wir dem eigentlichen Hafen näher kommen, werfen die Schiffe wie vereinbart Anker. Vom Beiboot aus haben wir genügend Gelegenheit, einen Blick auf die Silhouette der Stadt zu werfen. Die Türme und über die Stadt verteilten Tempel der Stadt verfügen über den Pagodenbau, den Assalam mir zuvor schon detailliert beschrieben hat. Während die unteren Stockwerke der Anlagen meist auf massiven, unverputzten Steinmauern fußen, türmen sich ihre weißen Wände in von Gesimsen getrennten Stockwerken in den Himmel. Das Stadtbild ähnelt keinem Anblick, den ich von Orten in Aloran, oder was das angeht, irgendwo in der Welt kenne. Zunächst einmal gibt es keine Stadtmauern, als sei kein Feind vom Land her zu erwarten. Die durchaus wehrhaft erscheinenden Anlagen sind einzig - aber immerhin großzügig - um die bereits erwähnten Tempel und Türme erstreckt. Entweder bedeutet dies, dass im Falle eines Angriffs die Bürger dort Zuflucht finden, oder sie werden sich selbst überlassen. Die Antwort auf diese Frage gilt es für mich herauszufinden, sagt sie doch einiges über die Anführer dieses Volkes aus.

Noch überraschender ist das Stadtbild, wenn man es sich näher betrachtet: Obwohl die Stadt zehntausende Menschen beheimaten muss, ist sie in ihrem Zentrum alles andere als drängend. Nicht nur sind die Straßen breit und licht, überall zwischen den weißen Flecken sprießt es im saftigen Grün. Der Stadtkern ist voller kleiner Wäldchen und Seen, erst zu ihren Rändern hin normalisiert sich das Stadtbild etwas. Vom Haupthafen etwas schwer zu erkennen, scheinen die äußeren Bezirke dagegen fast chaotisch; Holzhütten und Pfahlbauten ohne jede erkennbare Ordnung, voller wuselnder, geschäftiger Menschen, selbst von hier kann ich den Lärm von Mensch und Tier über die Wellen schlagen hören. Fischer, die in langen, flachen Booten ihren Tagesfang einbringen, Esel, die schwer beladen dahintrotten, während ihre Herren in fremden Zungen auf sie einreden. Kinder mit dreckverkrusteten Gesichtern, die schreien und lachen und Jäger und Gejagter spielen, wie überall in der Welt. Da hinten, fast außer Sichtweite, so groß wie Fliegen, herrscht eine andere Welt als am hiesigen Ufer, an dem eine ganze Schar von Soldaten und Tänzerinnen unsere Landung erwarten. Ich nehme mir insgeheim vor, auch diese Welt da hinten kennenzulernen, sobald sich eine Gelegenheit ergibt. Dies schulden wir der Wissenschaft.

Die Zeremonie ist beeindruckend, doch nach der langen Reise ermüdend. Eine junge Frau mit ganz weiß geschminktem Gesicht singt uns eine Ode, die nur schwer erträglich scheint; die Shunji Oto benutzen ähnlich den Al'Dhagar eine Tonleiter, die in den entwickelten Ohren der theranischen Kultur einen argen Missklang erzeugt. Die Tänzerinnen haben Körbe und Körbe von weißen und roten Kirschblüten mitgebracht und baden ihre Gäste, also uns, geradezu darin. Dann wird wieder Tee getrunken, was auf diesem Kontinent traditionell nicht ohne Geduld auszuhalten ist. Meine Knochen schmerzen, von der langen Reise wankt das Festland und ich bin froh, als uns erklärt wird, dass die Sonne nun untergeht und wir für die Nacht in unsere Gemächer gebracht werden, um am nächsten Tag den sānhéhuì vorgestellt zu werden.

Als wir im rötlichen Schein der Lampen ins Innere eines Gebäudes geführt werden, ist es bereits dunkel. Ich mache nur noch einen Fuß vor den anderen, lehne dankend die kleine Mahlzeit ab, die mir vor dem Zubettgehen angeboten wird und als sich hinter mir eine Tür schließt, bin ich das erste Mal seit Monaten wirklich allein. Anstatt mich umzusehen, taste ich nur noch nach meinem Schlaflager und sinke dankbar in Naudas Arme.

Am nächsten Morgen lernte ich viel über die kulinarischen Differenzen - das medinische Frühstück wird mir auf diversen Schälchen und Tellerchen gereicht. Während ich noch überlegte, welche der fremdartig aussehenden Meeresbewohner auf dem Tisch vor mir wohl am verträglichsten für meinen vom Fieber der letzten Wochen noch angegriffenen Körper sein mögen, setzte sich ohne ein weiteres Wort niemand anderes als Meiji die Magierin auf die gegenüberliegende Seite des niedrigen Tisches. Sie beobachtete mich eine ganze Weile und erbarmt sich dann eines helfenden Kommentars.

"Das ist Reis, den solltet Ihr doch kennen. Er unterscheidet sich von dem in Euren Landen nur durch seine höhere Qualität. Legt etwas tsukemono darauf. Eingelegte Gurken, Rettich, probiert es einfach. Aber vorher probiert von dieser Misosuppe. Wenn Ihr nicht wisst, welchen Fisch Ihr essen sollt, nehmt von diesem Yakitori. Es hat am wenigsten Aroma, besser für Eure simplen Gaumen, bis Ihr Euch an das gute Essen gewöhnt habt."

Die Worte klangen arrogant, fast schon feindselig, aber ihre Stimme war sanfter und hilfbereiter als am Vortag. Es war offenbar, dass sie sich ungelenk um Freundlichkeit bemühte. Wir verbrachten die nächste Stunde mit einer Einführung in die Etikette, die mir ausgesprochen minutiös vorkam, sich aber später als oberflächliche Vorschau auf eine hochkomplexe Zeremonie herausstellen sollte. Immerhin lernte ich, dass die Nahrungsaufnahme wie jede andere gesellschaftliche Tätigkeit zu jedem Zeitpunkt den Beziehungsstatus der Anwesenden untereinander sowie das korrekte Verhalten gegenüber Ranghöheren im Fokus hatte. So dauerte es eine ganze Weile, bis sich mir eröffnete, dass die Magierin wieder und wieder meinen Krug füllte und es gar nicht meine Aufgabe war, ihn am Ende zu leeren. Tatsächlich bedeutete es einen Affront, wenn ich am Ende den Eindruck hinterließ, meine Gastgeberein habe nicht genug zum Löschen meines Durstes angeboten.

Nebenbei konversierten wir, Meiji erklärte mir die Technik und den Hintergrund der Teezeremonie, die ich an Bord des Rotsiegelschiffes hatte beobachten dürfen. Im großen und ganzen verbanden viele der rituellen Tätigkeiten der Shinji Oto die Suche nach innerer und äußerer Harmonie mit dem praktischen Zweck. Profan gesagt diente die Länge der Zeremonie unter anderen schlicht dazu, den anfangs kochenden Tee am Ende auf Trinktemperatur gekühlt zu haben.

Schließlich fand ich den Mut, die Magierin direkt anzusprechen. Ich entschied mich für die offene Variante.

"Warum helft Ihr mir?" Sie schien von dem Vorstoß wenig überrascht und antwortete umgehend und nicht weniger direkt. "Wir alle haben Ziele. Für Admiral Takanosama geht es vor allem um Gefahreneinschätzung. Für Thera um Handel. Euer Kaiser hat zwar umsichtigerweise auch das militärische Potential Shinji Otos im Auge, aber Euer Senat in seiner Arroganz glaubt nicht wirklich auch nur an die Möglichkeit, irgendwo in der Welt auf einen ebenbürtigen Gegner treffen zu können. Unser Fürst unterschätzt Thera nicht. Daher möchte er gerne Politik machen, bevor andere Mächte ihm zuvorkommen. Es ist nur ein kleines Schiff, das Thera schickt. Aber trotzdem hat Eure Ankunft weitreichende Konsequenzen."

Meijis genaue Kenntnis unserer Machtstruktur hätte mich nicht überraschen dürfen. Aber die nonchalante Art, in der sie über den Drachen redete, ließ mich aufbrausen.

"Glaubt Ihr, Thera fürchtet dieses kleine Reich am Ende der Welt? Mit ein paar roten Schiffen und ein wenig Magie seid Ihr noch keine Gefahr für das Reich des Drachen." Die Magierin lächelte mich an, wie eine Mutter ihr Kind anlächelt, wenn es eine dumme Frage stellt. Das erste Mal kam es mir in den Sinn, dass ich das Alter der Magierin unmöglich einschätzen konnte.

"Mucus von Thera. Die Ordnung der Macht in der Welt ist womöglich weniger stabil, als sie heute erscheint. Die Dinge sind in Bewegung geraten. Offen gesagt, ich schere mich wenig darum, wer heute auf welchem Thron sitzt, ob in Adoran oder aber in Thera. Ein Thron ist in seiner Natur bloß ein unbequemer Stuhl. Nur die Vision des Mannes, der auf ihm sitzt, kann mehr aus ihm machen. Aber mein Herz schlägt mit der Insel, auf der ich geboren wurde und den Menschen, die auf ihr leben. Und eines ist sicher. Ein weiterer Krieg könnte dieses Land für immer zerreißen."

"Deswegen lehrt Ihr mich, Tee zu trinken?"

"Deswegen werde ich Euch lehren, dieses Land zu verstehen. Euer Kapitän vertraut Eurem Verstand. Wenn die Dinge in Bewegung geraten, ob in fünf oder in zwanzig Jahren, wird es zu spät sein, etwas am Ausgang zu verändern. Jetzt ist es vielleicht noch nicht zu spät."

II sanehui

Die Dreiharmoniengesellschaft ähnelt in ihrer Struktur ein wenig dem plutokratischen Gebilde, welches im fernen Barsaive in der Hafenstadt Urupa vorherrscht. Die unfassbar reichen Händler, denen ein Großteil der Schiffe, Bauwerke und Waren Dol Vadits zu gehören scheint, genießen es wie überall in der Welt, ihren Reichtum zur Schau zu tragen. Wir wurden durch ein Palastartiges Gebäude geführt, mit riesenhaften Pelzen unbekannter Raubtiere an den Wänden, kristallenen Leuchtern, die von den hohen, marmorsäulengetragenen Decken hängen, vorbei an Wachen in Prunkrüstungen, die ihren Herren nicht in die Augen zu schauen wagen. Einige der Händler sind so unfassbar fettleibig, dass nur ein halbes Dutzend starker Männer sie aus dem Haus tragen könnten, aber während unsere Besuches kam es Phia zum Dank nicht zu der Notwendigkeit. Einige verbergen ihre Gesichter hinter feinen, durchscheinenden Tücher. Dabei blieb es unklar, ob dies auf Mode oder den Schutz ihrer Identität zurückzuführen war. Unter den Anwesenden war auch eine Frau. Sie verbarg ihr Gesicht hinter einer weißen Maske, aber die grazile Form ihres Körpers verriet ihr Geschlecht zweifellos, auch wenn sie ihre Brust entweder abgeschnürrt hatte oder Amata ihr wenig Gunst geschenkt hatte. Sie redete während des Besuchs kein Wort, aber eingie der Händler warfen ihr vor Antworten einen kurzen Blick zu, als warteten sie eventuelle Einwände ab, die jedoch ausblieben.

Meiji begleitete uns nicht, somit übersetzte Assalam sämtliche Konversationen. Ich weiß nicht, ob die entsprechenden Inhalte trotz seiner sichtbaren Sorgfalt in der Übersetzung verloren gingen, aber am Ende ist mir nicht gänzlich klar gewesen, welche der Händler nun die führenden sanehui waren. Niemand saß erhöht und somit optisch eindeutig, auch in der Sprechreihenfolge gab es zu viele Unregelmäßigkeiten. Insofern gab es klare Verstöße gegenüber der Lektion, die ich noch am Morgen von Meiji gelernt hatte. Es dauerte noch bis einige Stunden nach der Zeremonie bis ich verstand, dass diese Verwirrung ganz nach Absicht der sanehui entstanden war. Sie wollten so viel wie möglich über uns erfahren und dabei selbst so wenig wie möglich preisgeben.

Das Gespräch verlief freundlich, blieb aber oberflächlich. Man versprach, dem Kaiser diverse kleine Geschenke auszuhändigen; Spezialitäten des Subkontinents, die noch während der Zeremonie von Dienern zu unserem Schiff gebracht werden sollten. Zenturio Naucarchus bedankte sich artig, verzog aber sichtlich sein Gesicht, als keine seiner Fragen bezüglich der formosischen Flotte wirklich beantwortet wurde. Alles in allem war das Ereignis eine einzige Enttäuschung. Als wir danach zurück in Gasthaus einkehrten und zum Abendbrot niedersaßen, blickten wir alle mit düsteren Gesichtern auf das fremdartige Essen.

Der Zenturio sprach für seine Verhältnisse überraschend wenig formell seine Unzufriedenheit aus. "Ich verabscheue diese Avarusverehrenden, schleimigen Kriecher. Während sie dir ins Gesicht lächeln, verkaufen sie hinter deinem Rücken ihre eigene Mutter an den Meistbietenden. Und davon kaufen sie dann den Dolch, den sie dir in den Magen rammen. Wenn das die Anführer der Shinji Oto sind, steht uns nichts Gutes bevor."

Am Nebentisch wurde es plötzlich laut. Ich befürchtete schon, jemand könnte das theranische Gefluche des Zenturios verstanden haben, aber ein kurzer Blick genügte um zu zu erkennen, dass es bei dem dortigen Streit um etwas gänzlich adnere ging. Zwei Shinji Oto waren aufgesprungen und standen sich offenbar kampfbereit gegenüber. Der eine war ein hochgewachsener, stiernackiger Mann mit einer tiefen, breiten Narbe über der Nase. Der andere war etwas gedrungener, feingliedriger, und wippte fast tänzerisch auf und ab, als erwartete er einen aggressiven Vorstoß seines Gegenübers. Tatsächlich stürzte der Größere der Beiden mit geballter Faust auf seinen Kontrahenten, der nun mit einem einfachen Seitschritt auswich. Das machte ihn nur noch wütender. Er rief irgendwelche Worte, die wohl dem Spott dienten, aber der Athlet lächelte nur sachte. Bevor die Situation weiter eskalieren konnte, erhob sich ein sehr alter Mann, der bisher nur unauffällig zwei Tische weiter seinen Tee gesüppelt hatte. Er sprach einige Worte in der Zunge des Landes. Der Zenturio und ich schauten zeitgleich zu Assalam. Dieser zuckte nur mit den Schultern. "Ich glaube, dem Greis gehört das Haus. Er sagt, wenn sie tanzen wollen, sollen sie nach draußen gehen."

Zu unserer Überraschung schienen beide Kontrahenten den Worten des Alten umgehend Folge zu leisten. Nun geriet der gesamte Raum in Bewegung. Immer mehr der Anwesenden Shinji Oto erhoben sich und folgten den Männern nach draußen. Uns blieb nichts anderes Übrig, als unserer Neugier und den Menschen zu folgen. Draußen hatte sich mit respektvollem Abstand ein Kreis um die beiden Männer gebildet. Eine Weile geschah nichts und ich vermutete schon, die erwartete Prügelei würde ausbleiben, aber dann begriff ich, dass die Männer nur warteten. Dann erschien der Greis in der Tür seines Gasthauses. Er hatte seinen Teekrug durch einen langen, hölzernen Stab ersetzt, an dessen Kopf ein langer, roter Faden herunterbaumelte. An seiner linken Hüfte baumelte ein Schwert. Mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit watete er durch die Menge und in die Mitte des Kreises, der sich gebildet hatte.

Der Greis hob seinen Stab und hielt ihn senkrecht vor seine Stirn, dann stieß er ihn mit aller Kraft in den sandigen Boden. Er nahm den Faden und befestigte ihn an der Ausbuchtung der Spitze. Er entfernte sich langsam rückwärts gehend von dem feststeckenden Stab, bis der Faden sich spannte, dann zog er mit der Spitze seines Schwertes eine kreisrunde Furche, vielleicht fünfzehn Schritt im Durchmesser. Dabei gab er unentwegt einen Singsang von sich, dessen Inhalt mir zunächst verborgen blieb. Als der Kreis vollendet war, entfernte er Stab und Faden und ließ sich von den beiden Kontrahenten ihre blanken Klingen aushändigen. Er kehrte zurück in die Mitte der errichteten Arena und legte die Schwerte so hin, dass sie sich kreuzten. Er sprach einige rituelle Worte, die Assalam mir später wiefolgt übersetzte:

"Licht trifft auf Schatten. Chaos auf Ordnung. Leben auf Tod. Tanzt den Tanz der Klingen, Kinder der Sonne und des Mondes. Auf das die Harmonie zurückkehre." Er wandte sich an den Herausforderer, den grobschlächtigen Riesen "Bis auf welches Blut soll gekämpft werden?" "Bis aufs dritte Blut." Er wandte sich an den Herausgeforderten. "Seid ihr einverstanden?" "Ich nehme die Forderung an." "So soll es sein."

Er verfiel erneut in den auf- und abschwellenden Singsang. Die Kontrahenten nahmen an gegenüberliegenden Enden des Kreises ihre Position ein, ein Knie und eine Faus auf dem Sand ruhend. Es schien eine ganze Weile nichts zu gegen außer der konzentrierten Ruhe und der Stimme des Alten. Dann verstarb der Gesang und die Tänzer begannen ihren Tanz. Beide Kontrahenten sprangen auf und bewegten sich mit ungeahnter Geschwindigkeit auf die Mitte des Kreises zu. Einen Moment wirkte es, als prallten sie in der Mitte zusammen, aber dann bergiff ich, dass beide aneinander vorbeischnellten und dabei jeweils ihr Schwert aus dem Sand aufklaubten. Ich hörte, wie die Klingen dabei aufeinander prallten, aber es geschah zu schnell für meine Augen. Dann entbrannte der eigentliche Kampf. Während der Größere der beiden wuchtige Schläge ausführte, nutzte der Herausgeforderte seine enorme Schnelligkeit und Wendigkeit, um den Angriffen tänzelnd auszuweichen. Ich bin kein Experte im Waffengang, aber selbst mir wurde schnell offenbar, dass die Herausforderung ein grober Fehler gewesen war. Es bereitete dem Verteidiger keine große Mühe, die Angriffe zu negieren. Der Kampf war für ihn nicht viel mehr als eine Schau für die Beobachter. Es dauerte nicht lange, bis auch der Herausforderer Notiz von der Situation nahm; dies brachte ihn nur dazu, noch wütendere und ungenauere Angriffe durchzuführen. Schließlich schien ihn der Kampf zu langweilen. Mit einer einfachen Vierteldrehung seiner Klinge ließ er die Waffe seine Gegners so abgleiten, dass er sie in den Sand versenkte. Er nutzte die aufkommende Lücke in der Verteidigung seines Gegner für einen federleichten Streich in die Kniekehle. Der große Mann schrie auf und stürzte mit dem Gesicht in den Sand. Als er das Gesicht wieder anhob, lag die glänzende Klinge seines Gegners an seinem Hals.

Assalam übersetzte die folgende, kurze Konversation wiefolgt. Der Greis beendete seinen Singsang und entgegnete trocken: "Der Ring erwartet das verlangte dritte Blut." Der junge Mann schüttelte schlicht den Kopf. "Ich versage es ihm." Der Knieende bleckte seine blutigen Zähne. "Ihr weigert Euch, mir einen ehrenhaften Tod zu geben?" "Der kann keinen ehrenhaften Tod erlangen, der kein ehrenhaftes Leben hatte. Yowaidesu, Ihr habt Geheimnisse des Hauses Adoran nach außen getragen, darum verurteile ich Euch zu dem ehrenlosen Leben in der Verbannung." "Das könnt Ihr nicht. Nur ein direkter Auftrag des Fürsten kann einen Qomer richten. Tötet mich einfach." Der junge Kämpfer lächelte wieder. "Na dann ist es ja gut, das ich sein Sohn bin. Und jetzt macht, das Ihr wegkommt, niederes Gezücht. Bevor ich Euch die Hände abhacke." Mit einem einfachen Streich beförderte er die Klinge des Unterlegenen aus dem Kampfkreis. Der junge Mann, der sich soeben als Sohn des Fürsten offenbart hatte, wandte sich der begeisterten Menge zu. Anscheinend hatte niemand mit der Präsenz des Adligen gerechnet. Selbst der Greis schaute nun mit leuchtenden Augen zu dem geschickten Kämpfer, der sich als Sohn ihres Herrschers herausgestellt hatte. Ich hörte ihn flüstern Die ungeteilte Aufmerksamkeit hätte ihm an diesem Abend zum Verhängnis werden können, wenn da nicht die Intuition des Zenturios gewesen wäre. Es war nur ein lauteres Flüstern, dass ich zu meiner Linken hörte. Nauarchus raunte, mehr zu sich selbst, "Er hat einen Dolch." Ohne nachzudenken, schrie ich das Wort, welches sich bei meinen Übungsstunden mit Assalam glücklicherweise festgesetzt hatte. "Chūi!" Ein Wort der Warnung, welches sich nun tatsächlich als hilfreich erweisen sollte. Der Sohn des Fürsten starrte durch die Menge direkt zu mir und reagierte im letzten möglichen Augenblick. Er drehte sich gerade noch rechtzeitig, um von dem Dolch nur gestriffen zu werden. Während er noch zu Boden stürzte, stürmte die Menge den Kreis und riss den feigen Angreifer zu Boden. Ohne ins Detail zu gehen; Mithilfe herumliegender Steine, purem Hass und der Kraft einer wütenden Meute wurde sichergestellt, das der Mann binnen Augenblicke einen gewaltsamen, schmerzhaften Tod fand. Der Greis war es schließlich, der mit energische Stimme die Menge zur Besinnung rief. Schnell ergriff Sorge die Allgemeinheit. War der Fürstensohn schwer verletzt? Sie stoben auseinander. Eine Frau in weiten Leinen war schon bei ihm, hockte da und begutachtete die Wunde. Etliche Stimmen sprachen schnell und viel in der mir noch so fremden Sprache - die Ereignisse hatten sich so überschlagen, dass Assalam mir schließlich erklären musste, was vor sich ging. "Der Fürstensohn verlangt nach dem Mann, der ihm das Leben rettete. Tritt hervor, Mucus." Da ich eigentlich nur auf das Gemurmel des Zenturios reagiert hatte, fühlte ich mich zu Unrecht berufen, doch angesichts der aufgeheizten Stimmung und der Sprachbarriere verzichtete ich auf lange Erklärungen und tat einfach, wie mir geheißen. Als ich nahe genug war, sah ich erleichtert, dass die Schnittwunde, die der Dolch verursacht hatte, tatsächlich nur oberflächlicher Natur war. Viel überraschter stellte ich fest, das die Frau, die dem Fürstensohn zuerst geholfen hatte, niemand anderes als Meiji war, die sich nun deutlich unffälliger gekleidet hatte und ihr Gesicht unter einer Kapuze weitestgehend verbarg. Sie warf mir einen kurzen Blick zu, der mich eindeutig zum Schweigen ihre Person betreffend beschwor.

Der Fürstensohn musterte mich und bemühte sich dann, in Gemeinsprache das Wort an mich zu richten. "Ihr seid Theraner. Wie ist Euer Name, Lebensretter?" "Mucus von Thera, Durchlaucht." "Nennt mich Fumihito. Bitte erlaubt mir die Ehre, Euch und Eure Begleiter an meinen Tisch einzuladen. Lasst uns gemeinsam speisen und überlegen, wie ich Euch danken kann."

Das Haus Qom. Von Adel und dem Weg des Schwertes.

Empfang bei Fürst Tsugu-no-miya Akihito von Adoran, [i]dem Kaiser[/i] von Shinji-Oto. Die Ära des Heisei (Frieden überall) und die Realität dahinter.

Das Haus Medina. Pilgerer und Monumente.

Die eigentliche Bedeutung des Begriffs der Shinji-Oto. Ein Tal des Friedens und die große Bibliothek in Sedevan.


Das Haus Linxia. Gletscher und Orichalcum.

Die Begleiter der Formosa warten am Fuße der Gletscher. Sie behaupten, die Linxier würden sich, wenn überhaupt, sonst nicht zeigen. (Tatsächlich "gelingt" es Mucus, einen besonders hochgewachsenen Mann des Hauses als Leibwächter zu verdingen. Zudem kaufen sie kleine Spielereinen aus Joppos und bieten dafür zunächst Juwelen und Kristalle, dann aber Orichalcum an. Beide Parteien scheinen das Gefühl zu haben, den anderen zu übervorteilen. Mucus ist amüsiert darüber.

Das Haus Madras. Sippen und Naturmystizismus.

Sehr freundlich, wenn auch distanziert. Heilen Wunden der begleitenden Soldaten mit Leichtigkeit. Faseln von Verbindung mit der Natur. Große Unruhe und hastiger Ausbruch, als einer der Soldaten versucht, mit einer der Frauen anzubändeln. Offensichtlich auch problematisch für sie.


Das Haus Nagh'aa. Die Ruinen von Ascar. Legenden von der Schlacht der fünf Völker.

Das Haus als solches existiert nicht mehr. Doch der Anführer der begleitenden Formoser kennt einen alten Nag'haa-Krieger. Dieser wohnt in einer baufälligen Hütte und ist nach einigem Zögern bereit, dem Gelehrten von der Geschichte der Schlacht zu erzählen, die von seiner Mutter weitergereicht wurde. Demnach kämpfte sein Volk, im Bund mit den Poona und den damals mächtigen Magiern der Madras gegen das Volk der Qoma und der Linxier. Die magischen Erschütterungen waren angeblich so gewaltig, dass dabei die Gestalt der Insel für immer verändert wurde. Ascar wurde zum Großteil von der Erde verschlungen und Poona wurde vom Festland getrennt. Jedoch hätten alle Völker einen schrecklichen Preis gezahlt. Was folgte, war die Zeit der Stille, in der der Großteil der Zeit vor der Schlacht für immer in Vergessenheit geriet.


Das Haus Aldabra. Fischer und Bauern.

(( Der Norden des kleinen Subkontinents ist deutlich weniger besiedelt. An den Steilküsten im Nordosten lebt das zahlenmäßig kleinste und politisch unbedeutendste Volk. Die Aldabräer sind freundliche, etwas fremdenscheue Männer und Frauen, die mit sich in Einklang leben. Sie ähneln ein wenig den Menschen aus Barsaive. Denn ihre Tapferkeit ist erst auf dem zweiten Blick, im Angesicht der Gefahr zu erkennen. ))


Als das Shuinsen im Morgengrauen den Hafen der Hauptstadt erreichte, hatte die seltsame Krankheit weiter um sich gegriffen. Obschon Meiji mir wiederholt versichert hatte, dass ihre astrale Barriere das Oberdeck vom Einfluss des Yuki-onna schützte und augenscheinlich niemand hier oben Symptome von geistiger Verwirrung oder körperlichem Verfall zeigte, erlaubte ich mir nicht mehr als ein kleines Nickerchen, um für den Ernstfall wachsam sein zu können. Immerhin waren diverse Kernmitglieder unserer Expedition rechtzeitig aus dem Bauch des Schiffes entkommen und mussten nun nicht mit dem Rest der Mannschaft dort unten bangen, ob die Zauberin rechtzeitig eine Lösung für das Problem fand. Der Kapitän hatte es nicht ausgesprochen, aber Assalam formulierte offen, was wir alle dachten. Wir saßen in einer kleinen Gruppe nahe des Hauptmastes und teilten grad den Rest des am Oberdeck befindlichen Proviants auf, als die Lichter Aldabras am Horizont zu glitzern begannen. Der Al'Dhagar flüsterte, um keinen der Seemänner der Formoser zu alarmieren; trotzdem gingen mir seine Worte durch Mark und Bein. "Wenn ich mich verzählt habe, sind wir zweiundneunzig Mann. Und eine Zauberin. Das Shuinsen ist eine schwimmende Festung, das bedeutet, niemand kommt herein oder heraus, wenn es der Kapitän nicht gestattet. Sonst würde er den Hafen niemals anfahren. Aber ich bin sicher, wenn Meiji die Situation nicht unter Kontrolle bekommt, würde er das Schiff eher aufgeben, als die Bevölkerung zu gefährden." Mein Blick wanderte durch die Reihen der kauernden und frierenden Männer um mich. "Es sind Hunderte unter Deck. Die meisten sind gesund." Mein treuer Übersetzer schüttelte vehement den Kopf. In seiner Stimme lag Mitleid. "Sie zeigen keine Symptome, aber wenn wir sie freiließen, könnte es sich ausbreiten. Entweder sie findet eine Lösung, oder sie gehen mit dem Schiff in Flammen auf." Die Zauberin war also nun die letzte Hoffnung für die Besatzung geworden. Es war nicht das erste Mal seit Beginn unserer Reise, dass ihr Leben in den Händen der Frau lag; aber es entsprach einer gewissen ironischen Gerechtigkeit, das stolze und misstrauische Gebaren der Formoser gegenüber einer Frau, einer Vertreterin eines anderen Hauses, einer Zauberin zu allem Unglück nun in Wohlgefallen aufgehen zu sehen, nun, wo ihnen keine andere Hoffnung mehr blieb, als ihr Vertrauen in eben diese zu setzen.


Das Haus Arak. Piraten.

Ohne die Formoser, unter Geleit des Linxiers, machen sich die Theraner auf zur letzten Station der Reise. Die formosische Beschreibung der Arak als blutrünstiger, geistloser Piraten ist natürlich haltlos übertrieben. Stattdessen handelt es sich um freigeistige Krieger mit einer ausgeprägten Gruppenmentaltiät. Aus Angst vor Militärspionage lassen sie Besucher nicht in den Hafenbereich, erzählen dann aber doch freimütig und stolz davon, dass ihre deutlich flacheren und schnelleren Boote die militärische Übermacht der Formosa zumeist wettmacht. Zudem sei ihr Hafen nicht angreifbar, da sie als einzige die dortigen Unterwasservulkane umschiffen könnten. Ihr Fürst habe bei dem einzigen Angriffsversuch ein Dutzend Schiffe verloren, bis er sich mit einer blutigen Nase zurückzog, geben sie lachend an. Sie erklären sich einverstanden, die theranischen Schiffe in Frieden zu lassen, wenn sie nicht durch ihre Hoheitsgewässer schwimmen, das gelte aber nicht für ihre Waren auf formosischen Schiffen. Sie sind nicht and Handel interessiert. Wir kriegen von Euch, was wir brauchen. Kostenlos, von den Formosa.


Das Haus Poona. Die Insel die keine war.

Die Formoser weigern sich, hinüberzusetzen. Dort wohnen nur Einsiedler und Verrückte, sagen sie.


Beobachtungen auf der Reise

Rituale und Traditionen

Götter

Geographie

Hauptstädte

Orte und Siedlungen

Regionen und Landschaften

Gewässer

Berge

Außergewöhnliche Orte